Hans Heinrich Eggebrecht

Schönheit kann man nur verweigern, wo sie zu Gewohnheit geworden ist.
Doch wo sie im Reich der Kunst zur Gewohnheit geworden ist, da muss die verweigert werden.
Gewohnheit bewohnt und ergreift, und sie kann auch das Haus der Kunst so bewohnen, dass sie, Besitz ergreifend, die Zugängeversperrt.
Kunst ist schön, aber sie verachtet die Gewohnheit. Die Musik von Bach und von Mozart, und wie sie alle heissen, ist schön.

Aber weg mit Bach und Mozart, wenn sie in gewohnter Bewohnung die Zugänge versperren.         
Was Musik ist und was Schönheit ist, das hat noch niemand zu sagen gewusst, umfassend und endgültig niemand.

Sagen aber kann man, was beide, indem sie zusammengehören, gemeinsam haben.
Musik und Schönheit haben gemeinsam, dass sie beständig unterwegs sind, immer neues suchend, neue Musik, neue Schönheit.
Dabei ist das Schöne der Musik nicht eine "schöne Melodie" oder eine "schöne Stelle" oder dieses und jenes "Schöne", sondern das Schöne ist die Musik immer, sofern sie denn wirklich Musik ist. Ihr Schönes ist, dass sie ein Spiel spielt, das es in der Alltäglichkeit nicht gibt, und spielen ist schön; und dass in diesem Spiel ein Sinn sich spielt; und dass dieser Sinn etwas zu tun hat mit unserem Leben.

Als Spiel eines Suchens von Sinn überdauert die Musik von Bach und Mozart, und wie sie alle heissen, ihre Schönheit zu uns hin. Aber das Suchen von Sinn in unserem gegenwärtigen Leben nehmen sie uns nicht ab. Jede Gegenwart, und das ist ihr Auftrag, sucht auf vielen Wegen sich selbst auch im schönen Spiel der Kunst. Dabei ist das neue Schöne niemals gegen das alte gerichtet, auch wenn es so scheint.
Das neue Schöne vermag das alte Schöne, sein Spiel und seinen Sinn, in unserem Empfinden und Bewusstsein zu erneuern und zu verändern, aber es verweigert sich ihm nicht. Das neue Schöne sucht den Sinn der Gegenwart. Bei diesem Suchen verweigert sich Schönheit, das Finden durch Kunst, dem von Gewohnheit besetzten Haus.

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