von Carl Ludwig Hübsch, 2009

Ich sehe den Vorgang der Komposition von Vorgaben wie das Flechten eines Netzes, dessen Knoten Strukturformanten oder auch Kommunikationsschaltstellen sind. Diese stellen ein Raster dar, geben den Rahmen vor - nicht innerhalb dessen, sondern von dem ausgehend - Zwischen-räume gestaltet werden. Zwischen den Knoten, auf den Beziehungsmaschen, entsteht in der Aufführung Spannung. Zum einen im Bezug auf das Gesamtnetz, das sich hier womöglich neu verschaltet, zum zwischen den Akteuren, die das Netz be- und erspielen. Der Abstand zwischen den Knoten entspricht dem Grad der Determination des Netzes.

Die Akteure spinnen das Netz weiter, all ihre Entscheidungen wirken sich auf die Gesamtform des Netzes - in dieser Aufführung - aus. Dieser Vorgang verläuft zwar im Bezug auf Zeit immer linear, kann aber im Bezug auf die Form sowohl linear als auch multilinear, organisch, immer ausgehend von der vorher festgelegten Grundstruktur sein.

Das Netz wächst also entsprechend seiner Verarbeitung / Bespielung, weiter. Da die Entscheidungen der Spieler nicht umkehrbar sind, wächst das Netz in der Zeitachse linear, die zur vorher festgelegten Struktur hinzugekommenen Entscheidungsknoten definieren seine endgültige Form. Jedwedes Ereignis während der Aufführung bekommt - mit Gültigkeit für diese Aufführung - Knotencharakter. Als nicht umkehrbares Ereignis strahlt es auf den weiteren Vorgang der Musik aus und wirkt sich in alle kommenden Ereignissen aus, aber im Sinne der Form auch auf die bereits vergangenen Entscheidungen. Bei einer neuen Aufführung wird das ursprüngliche Netz wieder neu ausgelegt. Allerdings sind die Spieler jetzt schon um eine Verknüpfungserfahrung reifer.

Sieht man Komposition im herkömmlichen Sinn als hierarchische Struktur an, innerhalb derer ein Komponist etwas festlegt, was ein Interpret dann verwirklicht, so liefert im Gegensatz hierzu der Netzwerkgedanke eine Struktur mit sich veränderlichen Hierarchien: Die Spieler prägen mit ihrem Spiel die endgültige Form der Komposition. Dabei agieren sie in voller Verantwortung und Kenntnis gegenüber dem Vorbereitetem, genauso wie in voller Verantwortung gegenüber dem musikalischen Moment der Aufführung (beinhaltet auch Konzertsituation, Gruppensituation und eigene Tagesform).
Der besondere Moment der Aufführung erfordert Entschei- dungen, ob das Festgelegte eins zu eins auszuführen, zu erweitern oder zu ändern ist, je nach den im Netz angelegten Möglichkeiten. Die eigene Position gilt es zu betonen oder zurückzunehmen, für Überraschungen zu sorgen oder eine notwendige Wendung herbeizuführen.
Einem herkömmlichen Werk auf der einen Seite steht ein Netz-Werk gegenüber. Rom IST auf allen Wegen (Dies ist keine Aussage über Qualität).

Eine traditionell festlegende Komposition stellt in diesem System eine Aneinanderreihung von Ereignissen, Knoten dar, die ausschliesslich linear geschaltet sind und deren Zwischenraum möglichst gering gehalten ist. Der Interpret ist an die Abfolge und die Abstände der Ereignisknoten gebunden (was ihn gelegentlich, angesichts ständig höher geschraubter Anforderungen und vielfältigster, bis ins kleinste Detail kontrollierter Vorgaben, zu einem Technokratenhamster im Kompositionslaufrad reduziert). Eine Netzwerk-Komposition dagegen ist multilinear und dynamisch. Sie definiert sich in der Gestaltbarkeit durch den Interpreten. Obwohl möglicherweise komplett durchkomponiert und im traditionellen Sinne spielbar, hält sie die Eingriffsmöglichkeit des Interpreten für einen unverzichtbaren Moment der musikalischen Aufführung. Das Ringen der Interpreten um die angemessene Form des Stückes, in grösstem Respekt und grösster Verantwortungslosigkeit gleichzeitig, findet unter den existenziellen Bedingungen musikalischen Schaffens UND des musikalischen Vortrages statt. Kompositionsentscheidung meets Lampenfieber. Was stattfindet, ist Rekomposition. Das Gesetz ist nicht die Schrift, sondern die Aufführung. Und das versteht sich jenseits jeder Beliebigkeit.

Information fliesst so nicht nur vom Komponisten bzw der Komposition über den Interpreten zum Hörer sondern auch in die entgegengesetzte Richtung, hier besonders vom Interpreten zur Komposition. Die Komposition ist im Idealfall genauso veränderlich, wie unverkennbar. Sie wächst organisch. Die Interpreten agieren als Musiker autonom, aber immer im unmittelbaren Bezug auf die Inhalte der Komposition, und die Komposition ist um einen Aspekt reicher, um das Herstellen von Beziehungen nicht nur der zwischen den Tönen, sondern auch zwischen den Spielern und darüber hinaus, zwischen den Spielern und dem Komponisten, zwischen den Spielern und den Hörenden. Dies bedeutet auch, dass die Aufgabe des Komponisten darin besteht, ein SINNVOLLES, für diese Art des Spiels geeignetes Werk zu schreiben. Zu den Aufgaben des Tonsatzes und der Instrumentenkunde kommt Kenntnis oder Einfühlungsvermögen für die Interpreten und ihrer instrumentalen und improvisatorischen Voraussetzungen.

www.huebsch.me