Uwe Oberg - Piano
Carl Ludwig Hübsch - Tuba, Perkussion

Märkische Oderzeitung vom 28.4.2004:

Brüche in Bild und Ton

Gelungene Jazz-Improvisation zu Kaurismäki-Film im Glad-House Cottbus

"Heutzutage reden die Menschen unentwegt und ohne Grund, da schadet etwas Stille nicht",
sagte Aki Kaurismäki zu seinem 1998 gedrehten Stummfilm "Juha". Doch still war es
keineswegs, als das Werk des für seine Wortkargheit bekannten finnischen Regisseurs
am Montagabend im Cottbuser Glad-House gezeigt wurde. Denn Uwe Oberg (Klavier) und
Carl Ludwig Hübsch (Tuba und Schlagzeug) gaben dem Film eine eigene Klangwelt
über das Rattern des Filmprojektors hinaus.
Das verhalf dem sonst so schwermütigen, finnischen Film zu Lebendigkeit und
Leichtigkeit. Ein kleines, sachkundiges Publikum liess sich in Cottbus auf das Experiment ein,
das die beiden Musiker zuvor erst einmal bei einem Kurzfilmfestival in Mecklenburg-
Vorpommern aufgeführt hatten. Trotzdem sind beide keine Laien, Uwe Oberg aus
Wiesbaden hat schon über 100 Stummfilme vertont. Carl Ludwig Hübsch aus
Köln ist als Tubist und Komponist für Neue Musik bekannt. Die Vertrautheit mit
dem Genre aus den Anfängen des Films bewiesen sie eindrucksvoll durch eine
Verschmelzung von Bild und Musik.
In tiefen Tönen brummt die Tuba, sie klingt so schwer, wie dem Bauern Juha der
Haferbrei im Magen liegen muss, den er gerade isst. Nicht weniger schwer verdaulich ist der
Kohl, den Juha und seine Frau Marja auf ihrem finnischen Bauernhof anpflanzten.
Kaurismäkis Geschichte, die auf dem gleichnamigen Roman des finnischen
Schriftstellers Juhani Aho aus dem Jahr 1911 basiert, ist Kitsch.
Eines Tages landet der Lebemann Shemeikka mit einer Autopanne auf dem Hof und redet
Marja ein, dass sie dort ihr Leben vergeude. Sie brennt mit ihm durch und landet im Bordell,
denn Shemeikka entpuppt sich als Zuhälter. Mit weit aufgerissenen Augen blickt Marja
auf den Abgrund, vor dem sie steht. Kaurismäki spielt mit den Mitteln des klassischen
Stummfilms, den eingefrorenen Mimen, den überbetonten Gesten, der kitschigen
Metaphorik. Allerdings bricht er auch die Lebenswelt eines 20er-Jahre-Klassikers, indem in der Küche eine Mikrowelle steht und Juha seine Würste aus der Plastikverpackung
isst.
Oberg und Hübsch nehmen diese Brüche auf und spielen sie mit den
Möglichkeiten des Jazz aus. Die Tuba kommt in emotionalen Szenen zum Einsatz, das
Schlagzeug treibt den Film mit seinen langen Einstellungen voran. Oberg greift nicht nur
stimmungsgenau in die Tasten seines Flügels, er spricht mit seiner Musik das aus, was
im Film ungesagt bleibt. Es sind die sprichwörtlichen Zwischentöne.
"Ich lasse den Film aus dem Bauch entstehen" , erklärt der Pianist. Dadurch wird aus
der reproduzierbaren Konserve etwas einzigartig Lebendiges. Von der teilweise kitschigen
Originalfilmmusik haben sich die beiden Musiker völlig gelöst. Es ist ihre Lesart
des Streifens, die bei jeder Aufführung wieder neu im Dialog der Instrumente entsteht.
Ein einmaliges Klangerlebnis.      

Kerstin Singer

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